Zeit ist relativ

Hier geht es nicht um den wissenschaftlichen Begriff der Zeit oder gar um eine Abhandlung über die Relativitätstheorie. Der Begriff Zeit enthält auch immer eine individuelle Wahrnehmung. Ob sich nun aber für die Zeitwahrnehmung aus der Sicht eines Einzelnen, so wie ich einer bin, eine allgemein gültige Regel ableiten lässt, weiß ich nicht. Damit passt dieser Beitrag in die Kategorien Laienphilosophie und Subjektiv, ist also möglicherweise nur die Meinung von mir.

Gemessen an der Lebensspanne eines Menschen ist das Weltall uralt. Und ohne Zweifel ist seit dem Urknall, der Geburtsstunde des Weltalls, vor etwa 13 bis 14 Milliarden Jahren für einen Menschen eine nicht vorstellbare Zeitspanne vergangen.

Wir leben von einem Tag auf den anderen, teilen uns unsere Wochen ein und verlaufen uns nicht in der Zeit, wenn wir den Urlaub ein Jahr im Voraus planen. Aber schon wenn wir ein Jahr überschreiten, kommen uns, unabhängig von einer Vor- oder Rückschau, die Jahre kürzer vor. Das heißt, die vergangenen oder kommenden drei Jahre können in unserer Wahrnehmung quasi halb und halb zwischen dem nächstliegenden Jahr und den beiden anderen Jahren aufgeteilt werden.

Zunächst verschwinden in der Wahrnehmung die gedanklichen Trennlinien zwischen den einzelnen Tagen. Wenn es weiter vor oder zurück geht, kommt es nicht mehr auf die Wochen, und schließlich auch nicht mehr auf scharf getrennte Monate an. Dann genügt die Nennung der Jahreszeiten und jeder weiß Bescheid.

Bisher bewegten wir uns innerhalb eines Menschenlebens und damit im Bereich der eigenen Erfahrung. Die Sache mit der Zeitwahrnehmung wird ungleich schwieriger, wenn wir längerfristig, als voraussichtlich unser eigenes Leben dauert, planen sollen. Oder aber wir betrachten vergangene Zeiten vor unserer Geburt. Die ersten hundert Jahre gehen da noch, aber irgendwann drängen sich die Jahrhunderte auf engstem Raum.

So, jetzt hat der Schreiber endlich die Kurve zur Ahnenforschung genommen, könnte man meinen. Nur am Rande, denn natürlich betrifft die Wahrnehmung der Zeit in der Rückschau ganz besonders auch die Ahnenforschung. Schaut man meinen vorherigen Artikel an, dann betrachten wir einen interessanten Zeitraum von insgesamt 350 Jahren. Kurz genug, um nicht unüberschaubar zu werden, aber lang genug, um die Auswirkungen der Zeitwahrnehmung zu verdeutlichen.

Die ersten, Stand heute, 59 Jahre entsprechen meinem Lebensalter. Das überblicke ich aus eigener Anschauung, das habe ich selber erlebt. Um eine griffige Zäsur zu erreichen, erweitere ich diesen Bereich bis zum Ende des 2. Weltkrieges im Jahre 1945. Davon erzählten noch die Altvorderen, die ich persönlich gekannt habe.

Dann wird es zwar nicht unübersichtlich, aber seltsam. Den wesentlich kürzeren Zeitraum von 1914 bis 1945 nehme ich als ein logisch zusammenhängendes Stück Zeit dicht gedrängt wahr. Hier übt vermutlich auch die Darstellung der Geschichte in Literatur und in Unterricht ihren Einfluss aus.

Der Beginn des 20. Jahrhundets liegt in meiner Wahrnehmung eigentlich erst nach dem ersten Weltkrieg. Nur weil sich die 100er-Stelle im im Jahre 1900 geändert hat, gibt es kein neues Zeitalter. Dafür rückt Napoleon Bonaparte ins Blickfeld, dieser nun weit mehr als 100 Jahre zurück. Dazwischen ist viel passiert. Reichsgründung, und 48er Revolution etwa. Alles Ereignisse, die abrufbar zur Verfügung stehen, aber für mich nur wenig markanten Punkte im Ablauf der Zeit darstellen. Von Napoleon Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 1. Weltkriegs Anfang des 20. Jahrhunderts erscheint alle noch ein wenig dichter gedrängt.

Davor, im 18. Jahrhundert bis zu Beginn des 30-Jährigen Krieges, nun beinahe 200 Jahre am Stück, drängen sich die Ereignisse und gesellschaftlichen Umwälzungen noch dichter. Wir erleben in der Rückschau die Zeit der französischen Revolution, der Aufklärung, die Zeit von Seuchen und Jahrzehnten Krieg. Wenn wir noch weiter zurück gehen, dann kommen die Staufferkaiser, Karl der Große, die Römer, die Eisenzeit, die Bronzezeit, Steinzeit … alles gedanklich zusammen gedrängt auf engstem Zeitraum. Und spätesten ab jetzt wird es für ein armes menschliches Gehirn nicht mehr fassbar.

Mit Grüßen aus dem Kurzzeitgedächtnis
euer Micha

22. Juli 2014 von Micha Altvater
Kategorien: Laienphilosophie, Subjektiv | Schlagwörter: , | Schreibe einen Kommentar

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